преса

Автор: Гаврилів Тимофій
Видання: Die PRESSE (Австрія)

Geraubte Zukunft: Reiche Machthaber, arme Ukraine

Am Majdan geht es nicht um die EU. Er geht um Würde und Freiheit.
11.02.2014

Es war etwas Phantasmagorisches daran, als das ukrainische Staatsoberhaupt, Viktor Janukowitsch, noch im Frühherbst 2013 auf eine Annäherung mit der Europäischen Union zusteuerte: ein Mann, der die ganze Macht im Land in seinen Händen konzentrierte. Ein Mann, der die Sicherheitskräfte beachtlich vergrößert und ihre Finanzierung wesentlich angehoben hat, dafür blieben sämtliche lebenswichtigen Bereiche unterfinanziert.

Ein Mann, der das Parlament, Instrument und Symbol einer modernen Demokratie, zu einer Art Kanzlei herabstufte, in der Gesetze verabschiedet werden, die die meisten Abgeordneten niemals zu Gesicht bekommen haben. Ein Mann, der die Gewaltenteilung für einen Trick seiner Konkurrenten oder gar des Westens hält.

Der Schock des 21.November

Viktor Janukowitsch und das Assoziierungsabkommen mit der EU? Man fragte sich nicht. Man freute sich. Sogar die an und für sich kritischen Geister waren fasziniert, dass eine starke Hand das Land in Richtung Westen steuert. Irgendwie wird es schon sein. Die westlichen Winde werden schon einen positiven Einfluss auf den Präsidenten ausüben.

Die Generation der Dissidenten sah darin die Erfüllung ihrer lang ersehnten Wünsche, die sie zur Sowjetzeit mit erheblichen Freiheitsstrafen hatten bezahlen müssen. Man übersah, dass inzwischen eine neue Generation von Bürgerrechtlern da war – der Kritiker des Regimes von Viktor Janukowitsch.

Dann kam der 21.November 2013 – ein Schock für alle. Die Jugendlichen fühlten sich ihrer Zukunft beraubt und gingen auf den Majdan. Ihr friedlicher Protest wurde in der Nacht am 30.November aufs das Brutalste niedergeschlagen. Es gingen Hunderttausende auf die Straßen. Es ging nicht mehr um das Assoziierungsabkommen. Nicht in erster Linie. Es ging um die Zukunft, um das Heute und Morgen. Es ging um Würde und Freiheit. Menschen wurden verprügelt, verschleppt und getötet. Das Wort Todeseskadronen fiel. Die Gesetze vom 16.Jänner 2014 bekräftigten die Diktatur.

Mykola Asarows Lügen

Nachdem die Protestierenden und die Opposition den Rücktritt von Mykola Asarow, der an der Spitze der ukrainischen Regierung gestanden war, erzwungen hatten, begab der sich als Erstes ausgerechnet nach Wien, wo sein Sohn die Vorzüge der von Herrn Asarow so verpönten Demokratie genießt. Monatelang schreckte Herr Asarow die Ukrainer mit der EU und ihren Werten. Monatelang verbreitete er über das Leben und die Zustände in der EU Lügen.

Die Demonstranten am Majdan bezeichnete Asarow, der der Korruption beschuldigt wird, als „Terroristen“. Während die ukrainischen Bürger sich bei den EU-Konsulaten anstellen und sich einem regelrechten Verhör unterziehen müssen, um in den Schengen-Raum einreisen zu dürfen, verfügen die Vertreter des Regimes und ihre Finanziers über ungehinderte Reisefreiheit.

London, nicht Moskau

Die Familien der Vertreter und Nutznießer des Regimes leben im Westen, ihr Kapital und ihre Liegenschaften befinden sich in der EU und in den Steueroasen der Welt. Ihre Kinder studieren nicht in Moskau, sondern in London. Sie, die die Menschenrechte im eigenen Land mit Füßen treten, wollen von allen respektiert werden. Sie sind reiche Leute. Dafür ist die Ukraine arm. Zur Gänze heruntergewirtschaftet. Von diesen Leuten.

Tymofiy Havryliv (geboren 1971 in Iwano-Frankiwsk) studierte Germanistik, Literaturwissenschaft und Philosophie in Lviv. Er ist Schriftsteller, Übersetzer und Blogger, schreibt Lyrik, Erzählungen, Essays, Romane. Auf Deutsch erschienen ist sein Roman „Wo ist dein Haus, Odysseus? (Ammann Verlag, Zürich 2009).

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2014)

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